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Die Hirschhorner Höhe, die vom Rücken der Wasserscheide zwischen
Main und Neckar bei Beerfelden über Rothenberg bis zum
"Steinernen Tisch" bei Hirschhorn reicht, wird östlich von dem
tief eingeschnittenen Gammelsbachtal begrenzt. Dieses Waldtal
ist in seiner oberen Hälfte durch die langgestreckte
Hubensiedlung Gammelsbach gelichtet
und hat die B 45
aufgenommen. Über der Dorfmitte schiebt sich die Kuppe des
Weckberges an der westlichen Talseite vor. Sein Steilhang ist
von den Sandsteinmauern der Burg Freienstein bekrönt.
Geschichte
Die Gründung der Burg im 13. Jahrhundert durch die Schenken zu
Erbach lässt sich aus den mittelalterlichen Besitzverhältnissen
erschließen. Ersterwähnung des Schlosses (ortsübliche
Bezeichnung im Sinne von Festung) 1297. Die nach ihm benannten
Herren von Freienstein waren Burgmannen der Erbauer. Ihnen
diente der stark gesicherte Wehrbau mit seiner Mannschaft zur
Überwachung und notfalls zur Abriegelung der den Gammelsbach
begleitenden Straße aus dem Neckartal bei Eberbach nach dem
inneren Odenwald um Michelstadt. Die Burg war zugleich ein
Verwaltungssitz für 15 Dörfer einschließlich Beerfelden.
Dieses Gebiet des späteren Amtes Freienstein der Grafschaft
Erbach hatte bis um 1035 zur Reichsabtei Lorsch gehört, die
Bauern ansiedelte und im 12. Jahrhundert den Heidelberger
Pfalzgrafen Konrad, den Bruder Kaiser Friedrichs Barbarossa, als
mächtigen Obervogt und zur Ausübung der Gerichtsbarkeit
einsetzte. Seinen Nachfolgern aus dem bayrischen Herzogshaus
Wittelsbach war vor 1232 der einstige Klosterbesitz um
Beerfelden zugefallen. Als deren Lehensträger konnten die
Schenken zu Erbach dort den Südrand ihrer Herrschaft von
Freienstein aus schützen lassen. Um 1300 stritten die
Erzbischöfe von Mainz jahrzehntelang mit den Pfalzgrafen um das
Lorscher Erbe im Odenwald. Die Erbacher Schenken waren in diese
Auseinandersetzung hineingezogen und über dem Macht- und
Abrundungsstreben der beiden benachbarten Fürsten in schwere
Bedrängnis geraten. Die Wahl von 2 Wittelsbachern im 14. und 15.
Jahrhundert zum Kaiser, deren Anhänger die Schenken wurden,
brachte eine günstige Wendung für sie auch in der Politik der
Pfalzgrafschaft. 1328 verlieh Kaiser Ludwig der Bayer dem
Schenken Konrad II. als Anerkennung seiner Treue im Dienste des
Reiches Stadtrechte für Beerfelden. Da sich die Zentschöffen
gegen den Bau einer Stadtmauer wehrten, blieb Freienstein die
bewährte Schutzburg. Sie war besonders im 16. Jahrhundert ein
Bindeglied der guten Beziehungen zwischen Kurpfalz und der
Grafschaft Erbach.
Das kleine Schloss bildete den Schauplatz regen Lebens durch
jährliche Jagdaufenthalte und längeres Wohnen des Landesherren
mit Gefolge. Im 30-jährigen Krieg erlitt es bei starken
Truppendurchzügen mehrfacher Beraubung. Um 1800 war die einstige
Glanzzeit in Vergessenheit geraten, der spärlich bewohnte
Zustand näherte sich dem eines Armenhauses.
Der große Brand von Beerfelden, der 1810 fast 200 Wohnhäuser
vernichtete, veranlasste den Grafen Albert zu Erbach-Fürstenau,
den Obdachlosen die Dachziegel und das Bauholz der Burg für
Behelfsbauten zu überlassen. Die verlassene Ruine wurde ein
Wahrzeichen des Gammelsbachtales und ein Wanderziel. Sie steht
unter Denkmalschutz.
Baubestand
Ein tiefer hufeisenförmiger Halsgraben und die hohe Schildmauer
sind die wesentlichen Wehranlagen der auf einem Felssporn
stehenden gotischen Hangburg. Den fehlenden Bergfried ersetzte
eine Wehrplatte auf dem bergseitigen Teil der Schildmauer. Sie
ist in stumpfem Winkel zum Burgweg hin abgeknickt. Wo der kurze
abgetreppte Schenkel der Schildmauer mit einem eingezogenen
Pfeiler endet, schloss das innere Tor an. Es saß in einer
Sperrmauer zwischen dem Schildmauerkopf und dem Kapellenbau, der
die Südostecke der Kernburg bildet. Er war ein dreigeschossiger
Wohnturm mit quadratischem Grundriss und enthielt die tornahe
St. Nikolauskapelle, deren Kapläne 1457 bis 1521 bezeugt sind.
Nach seinen verschiedenartigen Tür- und Fenstergewänden erfuhr
der Kapellenbau im 14., 15. und 16. Jahrhundert Umbauten. Die
Jahreszahl 1513 und 2 etwas jüngere Erker des obersten
Geschosses kennzeichnen die bevorzugte Benutzung dieses Bauteils
in der Renaissancezeit. An der Hofseite soll ein gotisches
Steinrelief des Gekreuzigten gewesen sein.
An die lange Westmauer des Innenhofs lehnte sich ein
viergeschossiger Baukörper an, der Palas, vor dem Abbruch
Saalbau genannt. Die Palasmauer ist mit der Schildmauer
verbunden und wurde von ihr erheblich überragt, um das hohe Dach
zu schützen. Dieser große Wohnbau war teilweise unterkellert und
durch Zwischenmauern in drei Abschnitte aufgeteilt. In der Mitte
hatte er ein schönes gotisches Portal mit dem Wappenstein, der
jetzt an dem Pfeiler der Schildmauer eingemauert ist
(Federzeichnung von Christian Kehrer um 1820). Der kleinste Raum
war die Burgküche. Sie berührte die Schildmauer nicht, sondern
war von ihr durch einen keilförmigen Zwickel getrennt. Vor der
einstigen Küche liegt im Hof ein verschütteter Ziehbrunnen.
Zwischen der Kapelle und dem Palas war die überdachte Holztreppe
beider Gebäude. Der Palas enthielt die Hofstube und einen Saal,
wahrscheinlich war ihm außer der Küche auch die Gesindestube
eingegliedert. Unter dem großen Dach war ein Fruchtboden. Die
Reiterstube ist am besten im Kapellenbau vorstellbar. Die
Kernburg war an dem Rand des Halsgrabens an drei Seiten von dem
oberen Zwinger umgeben, dessen Mauerzug nur noch in Resten an
der West- und Nordseite erhalten ist. Er weitete sich in dem
Eingangsbereich zu einer kleinen Vorburg. Ihre Bebauung mit
Pferdestall und Schmiede, Wagenhalle, Geräteschuppen und
Backhaus ist nicht mehr erkennbar, der Standort des Torhauses
durch ein Grabungsergebnis bekannt. Das Torhaus mit Wächterstube
sprang aus der Flucht der Zwingermauer vor und enthielt das
Außentor mit Zugbrücke. Davor war ein Zufahrtssteg im
Burggraben.
Der mittlere Zwinger liegt am talseitigen Böschungsfuß der
Kernburg, deren Ringmauer dort von Strebepfeilern gestützt ist.
Unterhalb der Vorburgfläche springt ein Mauerstück mit Pforte
vor. Die Fortsetzung der mittleren Zwingermauer berührt den
Gefängnisturm, die runde Eckbastion am östlichen Ende des
unteren Zwingers, winkelte am Grabenrand ab und lief an ihm
aufwärts bis zu dem äußeren Brückentor. So zog sich der mittlere
Zwinger um die östliche Ecke der Vorburg.
Der untere Zwinger ist die breite Befestigung der talseitigen
Burgflanke aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. Die Zwingermauer
ist zwischen dem Gefängnisturm im Osten und einem Schalenturm an
der Südecke der Burganlage ausgespannt mit leichtem Knick an
einem schwächeren mittleren Schalenturm. Von der Südecke aus
greift die abgewinkelte Zwingermauer noch um den mittleren
Zwinger bis an die südwestliche Begrenzung des oberen Zwingers.
Mit seinen drei Wehrtürmen erhebt sich die langgestreckte Mitte
des unteren Zwingers über einer Gartenterrasse. Von dem
Gefängnisturm ging noch eine Umfassungsmauer um das untere
Grabende bis hinauf an das äußere Auflager des Zufahrtssteges.
Erhaltungsmaßnahmen
Nach mehrmaligem Besitzwechsel innerhalb des Hauses Erbach
(1503, 1531, 1544) erfolgte um 1550 eine gründliche
Instandsetzung. Sie führte nicht zum Verzicht auf die
mittelalterliche Wehrhaftigkeit, förderte aber die neue
Eigenschaft des Wohnschlosses. Dabei war ein welscher Maurer
tätig. Die Burgmauern bekamen einen rauhen Verputz, die
Ecksteine und Fenstergelände wurden rot angestrichen.
1731 waren Ausbesserungen erforderlich, im restlichen 18.
Jahrhundert notdürftige Bauunterhaltungen. Der Verlust der
Dächer wirkte sich für die Ruine verhängnisvoll aus, weil das
Mauerinnere fast nur aus Sand besteht. Ohne festen Mörtel
konnten die durchfeuchteten Mauern bei Frost nicht stabil
bleiben. Gegen 1890 wurde an der Innenseite der geborstenen
Schildmauer ein Zuganker aus Eisenrohren angebracht und die
südliche und westliche Mauerkrone unter Aufsetzen von Zinnen
gefestigt. 1938 begegnete man der Einsturzgefahr bei der
Schildmauer durch Verringerung ihrer Höhe um etwa 3 m und eine
Zementmörtelabdeckung. Diese war nach einem Jahrzehnt
zersprungen und durch Baumbewuchs wirkungslos geworden. In
mehreren Jahresabschitten wurden die wichtigsten Mauerkronen der
Kernburg und des unteren Zwingers ohne die falschen Zinnenreihen
gesichert. Zu den Rückständen gehört die Schutträumung im
Innenhof, dessen Pflaster freigelegt werden sollte.
Zusammengetragen nach verschiedenen Literaturvorlagen durch Dr.
O. Müller im Jahre 1978.
Ergänzung des Verkehrsbüros "Beerfelder Land":
Im Mai 1987 trat der erste Mauerausbruch an der Schildmauer ein.
Im März 1988 stürzte dann fast die gesamte, kurz vorher
ausgebesserten Schildmauer ein. Dabei wurde auch der vorgenannte
Wappenstein unter den Trümmern begraben.
Seit 1990 werden die Mauern der Burgruine saniert. Die Kosten
hierfür werden von der Stadt Beerfelden, dem Odenwaldkreis und
dem Land Hessen getragen.
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