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Die St. Leonhardskirche mit der heiligen Quelle
Eben eine Stunde von Beerfelden/Odw. entfernt liegt gegen
Westen, oberhalb des Dorfes Falken-Gesäß der Weiler
"St. Leonhardshof".
Bis zum späten Mittelalter stand hier eine Kirche, die
eine sehr bekannte Wallfahrtskirche gewesen ist. Sie gehörte
als Nebenkapelle zu der großen Mutterkirche in dem nahegelegenen
Centorte Burifelden (damalige Schreibweise von Beerfelden).
Im Jahre 819 wurde die ganze Mark Michelstadt durch Schenkung
von Eginhard, dem Schwiegersohn von Karl dem Großen,
an das damals schon so mächtige Kloster Lorsch angeschlossen.
Die ersten Glaubensboten, die den christlichen Glauben des
heidnischen Germanen predigten, kamen auch in diesen entlegenen
Teil ihres Klosterbezirkes.
Die Besonderheit, dass hier eine mächtige Quelle auf
dem Rücken eines kleinen Höhenzuges dem Waldboden
entsprang und nicht, wie allgemein vorkommt, in einem Tale
oder einem Abhang, gab für die hier nur zerstreut wohnenden
Germanen Veranlassung genug, den Platz an der Quelle als ihr
Heiligtum zu halten. Hier hielten sie nun ihre Feste ab, unter
besonderen Bräuchen die Sonnenwende.
Um den Germanen den christlichen Glauben näher zu bringen,
übernahmen die neuen Glaubensboten diese bereits heilig
erklärte Stätte und erbauten über die Quelle
eine kleine Holzkirche, die dem St. Leonhard, dem Schutzpatron
der Pferde, geweiht wurde. Da diese die einzige Stelle des
Klosterbezirkes war, die diesem Heiligen verehrt war, so wurde
sie bald überall bekannt und viel besucht.
Von weit her kamen Wallfahrer mit großen Reiterscharen
zu der Kirche in Burifelden, um dort ihre Gebete zu verrichten.
Alsdann zogen sie zu der Kirche und der Quelle des Hl. Leonhard,
um die Pferde zu tränken, für die sie von dem Schutzpatron
Gesundheit und Kräftigung erhofften.
Die St. Leonhardskirche hatte bald eine so große Bedeutung
erlangt, dass sie im Jahre 1377 von dem Edelknecht Rucklin
von Hochhausen mit einer Stiftung von jährlich 15 Pfund
Heller und mehreren Anteilen der Schenkung für die große
Kirche in Burifelden bedacht wurde, damit außer dem
Hauptkaplan noch ein zweiter Kaplan und eine Altarist gehalten
werden konnten.
Von dieser Stiftungsurkunde, die mit dem Darmstädter
Staatsarchiv leider verbrannte, besitze ich eine genaue Abschrift.
Das Original war am 13. Dezember 1377 in der mittelalterlichen
Schreibweise in umständlicher, aber hochinteressanter
Art geschrieben worden.
Bereits im Jahre 1500 erwies sich die alte Holzkirche als
zu klein um alle die vielen Wallfahrer zu fassen. Zur gleichen
Bauzeit der 2. christlichen Kirche zu Burifelden erstand unter
den Händen des Steinmetzes Hans Eseler von Amorbach eine
schönere und größere Kirche in gotischem Stile.
Jedoch nach der Reformation und den Religionskriegen geriet
die Kirche in Verfall. Die Bauern holten sich Ziegelsteine
und Balken und verwanden sie für ihre Häuser und
Scheuern. Die gotischen Fenster wurden nach dem Schloss Fürstenau
gebracht, wo sie in die Schlosskapelle eingebaut wurden.
Schön behauene Steine und zwei Säulen sollen für
die Friedhofsmauer in Beerfelden verwandt worden sein, doch
sind sie nirgends erkennbar. Höchstens könnte der
gotische Eingangstorbogen der Beerfelder Leichenhalle von
der St. Leonhardskirche stammen, aber ebenso ist es möglich,
dass er früher ein Teil der 1810 abgebrannten Kirche
in Beerfelden war.
Vor mehreren Jahren wurden in den Ruinen der St. Leonhardskirche
Grabungen vorgenommen und dabei in den Grundmauern ein Stein
gefunden mit einer gut erhaltenen Jahreszahl, die darauf schließen
lässt, dass die noch heute stehenden Grundmauern von
der ersterbauten Kirche stammen. Dieser Stein mit der Jahreszahl
ist heute in den Stallgebäuden der Wirtschaft "Zum
Schlawitzer" zu sehen, die etwas entfernt von der Quelle
liegen.
Es besteht auch noch eine alte Sage, die von einem unterirdischen
Gang erzählt, der von der Ruine Freienstein zu der alten
Kirche führen soll. Aber das ist und bleibt nur eine
Sage, denn das Vorhandensein eines solchen unterirdischen
Ganges war nicht festzustellen.
Gleich neben der heiligen Quelle ist ein Stall- und Wohngebäudekomplex
gelegen, der St. Leonhardshof. Auch er steht schon einige
Jahrhunderte. Eine alte Urkunde besagt uns, dass am 16. Oktober
des Jahres 1353 ein Edelknecht Bruno und seine "eheliche
Hausfrau" Besitzer des St. Leonhardshof, alle ihre Leibeigenen,
die den Namen Cappus führen, verkauften. Diese interessante
Urkunde, von der ich auch eine Abschrift besitze, ist eine
Vereinbarung mit dem Herzog Rupprecht von Bayern, der diese
Leibeigenen übernahm.
Aber noch heute gibt es gerade im hinteren Odenwald viele,
die den Namen Cappus tragen.
Noch vor 10 - 15 Jahren befand sich hier in Beerfelden in
Familienbesitze ein interessantes Bild der St. Leonhardskirche,
das in den 70 - 90 Jahren des vorigen Jahrhunderts von dem
Herrn Steuerrat Decker gemalt wurde.
Man sieht darauf, dass zu dieser Zeit das ganze untere Mauerwerk
mit Eingängen und Fensterbögen noch vorhanden war,
was heute nicht mehr der Fall ist. Leider ging dieses aufschlussreiche
Bild durch Vererbung in andere Hände über und verschwand
dadurch aus unserer Gegend.
Von der einstigen St. Leonhardskirche blieb bis jetzt nichts
mehr übrig, als die dereinst für so heilig gehaltene
Quelle. Dieselbe sprudelt heute noch, wie vor über tausend
Jahren schon, als wolle sie noch was erzählen vom Wandel
der Zeiten und von allem was sich hier von frühester
Zeit an bis zum Mittelalter schon abspielte.
Gärtner W. Berger sen., Am Brunnen, Beerfelden
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